Ist in der Schweiz Tannenschösslig pflücken verboten?

Wer meine Social Media Kanäle verfolgt, der ist bestimmt auf mein Rezept für Tannenschösslighonig bzw. Tannenspitzenlatwerge gestossen. Die Reaktionen waren meist positiv, es haben sich aber auch einige negative Stimmen geäussert. Und zwar kam der „Vorwurf“, dass das Pflücken von Tannenschösslig bzw. Tannenspitzen in der Schweiz verboten sei. Hm, einen Gesetzesartikel o.ä. konnte mir aber niemand vorweisen und auf Nachfrage kamen nur Antworten, dass man dies schon als Kind so gelernt habe, etc. Wer mich kennt, der weiss, dass ich das nicht einfach so stehen lassen kann, bzw. ich dann zu neugierig bin und unbedingt eine Antwort haben will :-). Lest selbst, ich habe keine Mühen gescheut und habe „ganz oben“ nachgefragt ob denn nun das Tannenschösslig pflücken verboten ist oder nicht!


Du weisst grad nicht um was es geht? Hier findest du mein Rezept für den lecker, bäumigen Tannenschösslighonig


Was das Bundesamt für Umwelt zum Thema meint

Vorab, ich selber war auch mal der Meinung, dass es verboten sei, die Tannenspitzen zu pflücken, habe aber bei meiner Recherche einen Artikel vom Beobachter gefunden, in dem ein Förster sagt, dass das Pflücken von Tannenspitzen unter gewissen Umständen nicht verboten sei. Den Beobachter habe ich als Quelle als glaubenswürdig eingestuft. Nichtsdestotrotz liessen mir die Kommentare keine Ruhe und ich habe nachgeforscht. Zuerst bei einem St.Galler Förster, der mir eine sehr ausführliche Antwort geschickt, aber auch angemerkt hat, dass er kein Spezialist für Forstrecht sei. Mein Jagdinstinkt war geweckt und ich habe daraufhin ganz einfach das Bundesamt für Umwelt angeschrieben. Wenn nicht die Gesetzesgeber selber Bescheid wissen, wer dann.

Und ich war positiv überrascht, schon nach wenigen Tagen habe ich eine unglaublich ausführliche Antwort erhalten. Mit Erlaubnis gebe ich euch gerne die ganze Antwort weiter. Wer wenig Zeit hat, vorab kurz und knapp das Original-Gesamtfazit, weiter unten dann die ganze Antwort mit passenden Gesetzesartikeln.

Als Gesamtfazit kann festgehalten werden, dass das Sammeln von Tannenspitzen nicht per se vom Gesetz untersagt ist. Unter Berücksichtigung der Walderhaltung und weiterer Interessen dürfen Bestandteile der Tanne in geringem Mass und zu privaten Zwecken geerntet werden. Dabei ist jedoch den lokalen und kantonalen Besonderheiten und Gepflogenheiten Rechnung zu tragen, weil die Kantone diesbezüglich eine unterschiedlich strenge Praxis aufweisen. Und schliesslich ist auch der Eigentümer des Waldes zu kontaktieren, weil er seinen Wald am besten kennt und am ehesten einschätzen kann, wie und in welcher Grössenordnung das Sammeln von Tannenspitzen schädliche Einwirkungen auf den Wald haben kann.
Offizielle Information des Bundesamt für Umwelt BAFU

Na also, das ganze Thema wird heisser gekocht als gegessen.


Wenn du aber auf Nummer sicher gehen willst

  • Beim Kanton/Gemeinde nachfragen, wem der Wald gehört
  • Eigentümer fragen, ob man ernten darf
  • Bei einer eigenen Tanne ernten

Was gibt es beim Ernten von Tannenschösslig noch zu beachten

Egal, ob bei der eigenen Tanne oder einer Tanne im Wald, es gibt beim Ernten von Tannenspitzen einige Grundregeln, die unbedingt beachtet werden sollten:

  • Jungtannen schonen
  • nur einzelne Triebe ernten (also nicht die gesamte Tanne leerpflücken, da sie sonst nicht wachsen kann)
  • nicht jedes Jahr im gleichen Gebiet ernten
  • die Fichte (Rottanne) ist in Schweizer Wäldern viel häufiger als die Weisstanne. Deshalb die Weisstanne besser schonen
  • Nur für den privaten Gebrauch in Massen sammeln (nicht für den gewerblichen Zweck)

Wenn du etwas Zeit hast, dann lohnt es sich, die ganze Antwort des BAFU zu lesen. Spannend! Und nochmals ganz herzlichen Dank, dass sich das BAFU für eine so ausführliche Antwort die Zeit genommen hat.

Schriftliche Antwort vom Bundesamt für Umwelt BAFU zu meiner Frage, ob das Pflücken von Tannenschösslig in der Schweiz verboten sei:

Im Bundesrecht besteht keine Rechtsnorm, die Ihre Frage ausdrücklich beantworten würde. Und auch die Kantone haben – soweit ersichtlich – keine diesbezügliche Regelung erlassen. Daher ist auf die Grundnorm von Artikel 699 Abs. 1 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB) zu verweisen. Dieser besagt, dass das Betreten von Wald und Weide und die Aneignung wildwachsender Beeren, Pilze und dergleichen in ortsüblichem Umfange jedermann gestattet ist.

Mit dieser Norm wird jeder Privatperson sowohl ein Zutritts- als auch ein Aneignungsrecht im Wald zugestanden. Diese beiden Rechte dürfen jedoch nicht uneingeschränkt ausgeübt werden. Das Zutritts- und Aneignungsrecht findet privatrechtlich seine Grenze dort, wo es nicht ohne Schädigung ausgeübt wird und damit mit den Interessen des Eigentümers des Waldes nicht mehr vereinbar ist, ferner im Ortsgebrauch und in räumlich und zeitlich genau umgrenzten Verboten zum Schutz von Kulturen wie Baum- und Pflanzschulen. Wie das Bundesgericht in einem Entscheid festgehalten hat, stehen solche Einschränkungen nicht zum vornherein im Widerspruch zu Art. 699 Abs. 1 ZGB, sondern vermögen vielmehr Pflanzenbestände auf längere Sicht zu schützen und damit die Möglichkeit der Aneignung zu erhalten. Voraussetzung des Zutritts- und Aneignungsrechts ist mit anderen Worten, dass auf dem Grundstück kein nennenswerter Schaden verursacht wird. Zulässig sind somit im Interesse des Naturschutzes getroffene Anordnungen.

Wie Artikel 699 ZGB im Weiteren entnommen werden kann, bilden Gegenstand des Aneignungsrechts wildwachsende Beeren, Pilze und dergleichen. Dabei lässt insbesondere der Terminus „und dergleichen“ darauf schliessen, dass die Aufzählung im Gesetz nicht abschliessend ist. Daher kann unseres Erachtens auch das Pflücken von Tannenspitzen unter das Aneignungsrecht von Art. 699 ZGB fallen.

Zudem ist auch auf den im Wortlaut von Artikel 699 Absatz 1 ZGB ebenfalls enthaltenen ortsüblichen Umfang zu verweisen. Mit der Aufnahmen des „ortsüblichen Umfangs“ im Gesetz kann auf lokale/regionale/kantonale Besonderheiten und Gebräuche Rücksicht genommen werden. Daher kann es vorkommen, dass einzelne Kantone das Sammeln von Tannenspitzen grundsätzlich erlauben, andere Kantone dies aus Gründen des Pflanzenschutzes jedoch untersagen bzw. nur mit behördlicher Bewilligung erlauben und somit eine eher strenge Praxis aufweisen.

Schliesslich enthält auch Art. 19 des Bundesgesetzes über den Natur- und Heimatschutz (NHG) eine Regel zum Sammeln wildwachsender Pflanzen. Dabei wird das Sammeln wildwachsender Pflanzen unter eine Bewilligungspflicht der zuständigen kantonalen Behörde gestellt. Ausgenommen von dieser Bewilligungspflicht sind jedoch die ordentliche forstwirtschaftliche Nutzung sowie das Sammeln von Pilzen, Beeren, Tee- und Heilkräutern im ortsüblichen Umfange, soweit es sich nicht um geschützte Arten handelt. Demnach geht Artikel 19 des NHG nicht weiter als Art. 699 ZGB und stellt insbesondere auch auf den ortsüblichen Umfang. Zu berücksichtigen ist jedoch die Bewilligungspflicht für jegliches Sammeln bei geschützten Arten, weshalb es sich grundsätzlich immer lohnt, im Voraus die kantonal zuständige Behörde zu kontaktieren, um in Erfahrung zu bringen, ob beim Sammeln im Wald geschützte Arten betroffen sein könnten.

Auf Nachfrage in mehreren Kantonen kann festgehalten werden, dass das Sammeln von Tannenspitzen und anderen Pflanzenbestandteilen waldrechtlich in der Regel kein Problem ist, sofern die Walderhaltung nicht gefährdet wird. Dies gilt jedoch nur für das Sammeln zum Privatgebrauch. Gewerbliches Sammeln (über längere Zeit und in grösseren Mengen sowie regelmässig wiederkehrend) wird nicht bewilligt, da dabei die Walderhaltung nicht gesichert ist. In einem der kontaktierten Kantone wurde zudem ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Tannensprossen nicht frei verfügbar seien. Gemäss der Praxis dieses Kantons fallen Tannenspitze und andere Pflanzenteile von lebenden Bäumen und Sträuchern nicht unter das „freie Aneignungsrecht“ nach Artikel 699 ZGB. Deshalb wird in diesem Kanton für das Sammeln von Tannenspitzen zwingend eine Bewilligung/Zustimmung des Waldeigentümers erforderlich. Gleich verhält es sich mit grünen Ästen von Bäumen und Sträuchern, mit Samen und Zapfen, solange sie noch am Baum/Strauch sind, mit Keimlingen und Jungpflanzen sowie mit Blumen im Wald. Immer ist das Einverständnis des Waldeigentümers nötig, insbesondere bei grösseren Mengen oder gar bei gewerblicher Nutzung. In mehreren Kantonen wird zudem wert darauf gelegt, dass der Waldeigentümer (Private oder das Gemeinwesen) gefragt wird, weil nur dieser beurteilen kann, ob das Sammeln für ihn an einem bestimmten Ort vertretbar ist oder nicht. So können beispielsweise junge Tannen im Wald, die vom Waldeigentümer als Weihnachtsbäume oder Dekorationsmaterial genutzt werden, durch eine Tannensprossen-Nutzung vollständig entwertet werden. Oder bewusst eingeleitete Naturverjüngung von seltenen Arten kann durch das Sammeln vollständig verloren gehen.“

Tanneschösslihonig oder Latwerge - ein perfektes, selbtgemachtes Mitbringsel oder Weihnachtsgeschenk

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